Die Mischtechnik aus Graphit und Kohle

Heute gibt es von mir ein ganz besonderes Tutorial für die besonder Engagierten und Fortgeschrittenen unter euch. Ich möchte euch die Mischtechnik erklären, die ich mir im Verlauf der letzten Jahre angeeignet habe.

Von dieser habt ihr bisher noch nicht viel gesehen, weil ich in meinem Budeni-Youtube-Channel bisher die wesentlich einfacher zu filmenden Kohlezeichnungen veröffentlicht habe.

Bei dem Bild handelt es sich um eine Auftragsarbeit, von der Auftraggeber mir erlaubt hat, sie im Rahmen dieses Tutorials zu filmen und zu veröffentlichen. Vielen Dank dafür nochmal, Leon!

Das Bild ist im Format A2 angefertigt worden und hat ungefähr 13 Stunden gebraucht.

Zur Vollbildansicht des Erbgenisses geht’s hier lang: Das Hochzeitspaar – Doppelportrait

Nun also die Premiere. ;-)

Warum Mischtechnik?

Zunächst fragt man sich natürlich, warum man Kohle und Graphit miteinander mischen sollte, vor allem, wo einem doch Gott und die Welt davon abrät. Es ist ganz einfach: beide Zeichenmedien haben ihre spezifischen Vorzüge, die miteinander kombiniert eine völlig neue Wirkung ergeben.

Kohle wirkt so sehr kontrastreich, intensiv und tief durch seine matten Pigmente, die das Licht förmlich aufzusaugen scheinen. Weiche Übergänge, die trotzdem organisch scheinen, sind hier kein Problem.

Graphit hingegen spiegelt das Licht, macht aber auch einen Detailreichtum möglich, nachdem sich ein reiner Kohlezeichner regelmäßig sehnt.

Kombiniert man beides miteinander, kann man mit etwas Mühe, Know-How und Fingerspitzengefühl ein Portrait zaubern, das vor Leben blüht und kontrastvoll den Betrachter anstrahlt.

Und wie soll das gehen?

Zu Beginn stellt sich natürlich die Frage, wie das alles gehen soll, denn jeder, der schon einmal mit beiden Medien herumgespielt hat, weiß, wie schlecht Kohle auf Graphit hält und dass beides zusammen oft “irgendwie” komisch wirkt.

Das mit der Wirkung liegt letztendlich nur an einer unbeholfenen Kombination der beiden. Mit entsprechendem Know-How ist eine Harmonie beinahe unvermeidbar… ;-)

Müsste nur noch das Problem mit dem “Halt” gelöst werden.

Ja, es stimmt. Die mürben Kohlepigmente haften nicht auf dem glatten Graphit. Sie purzeln einfach wieder herunter. Graphit jedoch lässt sich wunderbar auf Kohle anbringen und verschmilzt mit ihr so zu einem völlig neuen – oft glatteren – Grauton.

Es gilt also, die Kohle, sofern man sie benötigt, immer zuerst anzubringen und erst danach mit dem Graphit zu zeichnen.

Eine weitere Regel

Natürlich ist es möglich, hellen/harten Bleistift (z.B. F/HB) auf einem dunklen/weichen (z.B. 5B) aufzubringen. Das ist allerdings nicht besonders ratsam, weil so die Papierporen nur ungleichmäßig von dem Graphit versiegelt werden und so unregelmäßige Schattierungen entstehen.

Wesentlich besser ist es, erst einen harten Bleistift leicht und flächendeckend über den Zeichengrund gleiten zu lassen und so nach und nach mit weicheren Bleistiften nachzuziehen. So lassen sich sogar ganz ohne Papierwischer und Fensterleder weiche Verläufe erziehlen, die ganz und gar berechenbar sind.

Mein Meister

Natürlich habe ich schon lange vorher mit der Mischtechnik herumgespielt. Wirklich brauchbare Ergebnisse konnte ich allerdings erst liefern, nachdem ich das Buch Drawing Realistic Textures in Pencil von J.D. Hillberry gelesen und durchgearbeitet hatte.

Er erklärt schlüssig viele Tricks, die Könner wie er beim Zeichnen anwenden und ist dabei ganz und gar ehrlich.

Es ist mit Abstand das nützlichste Zeichenbuch, das ich jemals in die Finger bekommen habe ;-).

Leider gibt es das Buch nur auf Englisch, wen das aber nicht stört, hat hier einen echten Schatz zur Hand.

Das Equipment

Hier ist das exakte Equipment, das ich für dieses Tutorial verwendet habe:

  • Bleistifte von Faber-Castell der Stärken F-8B
  • Zeichenkohle von General Pencil Company in B und H
  • Ein mechanischer Spitzer
  • Ein normaler, weißer Radiergummi
  • Ein Knetradiergummi von Cretacolor
  • Ein Bogen 150g/m² Papier in A2 von Gerstaecker
  • Zwei Papierwischer
  • Ein Stück Fensterleder (DM-Marke)

Ich sage natürlich nicht, dass ich das bestmögliche Equipment benutze. Es handelt sich dabei bloß um eine Ausrüstung, mit der ich gut klarkomme und die meinen Geldbeutel nicht zu schlank werden lässt. ;-)

Mein Arbeitsplatz

Da dieses Tutorial ohnehin lang werden wird, möchte ich auch noch ein paar Worte zum Arbeitsplatz verlieren. Ich persönlich halte es für unheimlich wichtig, dass man an einem ruhigen Ort arbeitet, an dem man auch mal länger als eine Viertelstunde ungestört bleibt. Natürlich sollte der Zeichenuntergrund fest und wackelfrei sein – jedenfalls dann, wenn es mehr als eine unschuldige Skizze werden soll.

Ein weiteres Kriterium ist die Sauberkeit. Natürlich sollte man nicht direkt neben einem Kochtopf zeichnen, in dem eine Tomatensppe vor sich hinbrodelt. Auch die Tischplatte sollte frei von Körnchen, Stäubchen und Härchen sein, weil das alles später durchs Papier durchdrückt und unschöne Flecken zurücklässt.

Noch ein letztes Wort zur Sauberkeit: Die Hände. Wie du ganz am Anfang siehst, wische ich meine Finger mit Alkohol ab. Das mache ich nicht, weil ich das Zeug gerne rieche oder so, sondern weil die Hand ständig Schweiß und Feuchtigkeit absondert, die das Papier unschön beschmutzt. Auch, wenn man es zunächst nicht sieht, lagert sich das Fett nach und nach auf dem Papier ab und tritt dann wieder zum Vorschein, wenn man mit Graphit oder Kohle darübergeht. Das sieht dann fleckig und hässlich aus. Daher der Alkohol.

Alternativ kann man auch Baumwollhandschuhe anziehen oder die komplette Zeichnung (abgesehen von dem Areal, das man gerade bearbeitet) mit Papier abdecken.

Die Skizze

Wie bei jedem Portrait steht auch hier eine Skizze ganz am Anfang des Prozessen. Wie immer will man nicht, dass man sie später sieht. Daher macht man sie so leicht wie möglich mit einem möglichst harten Bleistift, wobei man nie weniger als F nehmen sollte. Wenn ich nicht gerade Videos von den Skizzen mache, nehme ich gerne auch noch härtere Stifte, deren Pigmente sich später problemlos wieder mit dem Knetradierer abheben lassen. Vorzugsweise 2H.

Wenn du vorhast, ein Portrait mit dieser Technik zu versuchen, rate ich tausendfach, viel Zeit in die Skizze zu stecken. Das ist die Grundlage, die später entscheidet, ob die Augen schief sitzen oder nicht. ;-)

Die Augen

Wenn du schon andere meiner Tutorials gesehen hast, weißt du, dass ich immer mit den Augen anfange. Das liegt daran, dass ich mich auf diese Weise mit dem Portrait verbinde. Außerdem liegt in dieser Stelle des Körpers so viel Charakter, dass es von da aus leicht fällt, den zu zeichnenden Menschen auch darzustellen.

Hier beginnt man mit dem Nachziehen der Konturen mit einem F-Bleistift. Übertreiben sollte man es mit der Strichstärke nicht, damit auch weiterhin bequem Kohle haften bleiben kann. Anschließend trägt man Kohle (B oder H nach Gefühl) an den dunklen Stellen des Auges auf. Dazu gehört bespielsweise die Lidfalte, einige dunkle Stellen in der Iris und eventuell die äußersten Stellen des Augeninneren.

Die Pupille spart man vorläufig aus, damit sie erst durch die Bleistifte perfekt definiert werden kann und nach Vollendung der Iris gefüllt wird.

Wenn die entsprechenden Stellen zu “rau” wirken, geht man einfach mit dem Papierwischer drüber und “glättet” sie, indem man die Kohlepigmente in das Papier reibt.

Danach wir die Haut mit Graphit schattiert. Dabei beginnt man, wie oben erklärt, mit dem härtesten Bleistift – in meinem Fall ein “F” und versiegelt/glättet damit die Papierstruktur. Besonders Haut wirkt so weich und geschmeidig. Stellen, die dunkler werden sollen, zeichnet man sorgfältig mit einem dunkleren Bleistift nach (beispielsweise 2B) und gelangt so an immer weichere Bleistifte, bis der gewünschte Tonwert erreicht wurde.

Und wenn man etwas zu dunkel gerät, hellt man es einfach wieder mit dem Knetradierer auf.

Bei der Iris muss man beachten, dass die Glanzpunkte der Augen auf jeden Fall ausgespart werden. Nur so erscheinen die Augen strahlend und gesund. Die Pupille bleibt weiterhin weiß und leer, bis die Iris fertig ist. Dann kann man ihr mit weicher Kohle zu Leibe rücken, die man durch die Verwendung des Papierwischers intensiviert.

Wimpern und Augenbrauen werden mit einem dunklen (stark gespitzten) Bleistift eingezeichnet. Von der Wirkung her wäre Kohle noch passender, aber die lässt sich im Vergleich nur schlecht im spitzen Zustand kontrollieren.

Die Haut

Auch, wenn sie einem auf den ersten Blick oft sehr matt erscheint, zeichnet sich die menschliche Haut durch einen feinen Glanz aus, der sich mit Graphit wesentlich besser darstellen lässt als mit Kohle. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man durch die Glättung mit der Bleistiftspitze die Papierstruktur niederwalzt und ungewollten “Hautunreinheiten” entgegenwirken kann.

Natürlich gilt auch hier, dass es einfacher ist, bestimmte dunkle Stellen mit Kohle vorher zu bearbeiten und später mit Graphit darüber zu gehen, weil die dunkle Stelle auf diese Weise den gleichen Schimmer bekommt, wie die von Kohle unberührten Areale.

Besonders in der Wangenregion, wo sanfte Übergänge ein Muss sind, empfiehlt es sich, sich vom härtesten Bleistift zum weichsten vorzuarbeiten und so schimmernde Plastizität zu erschaffen. Sind dennoch Strichverläufe sichtbar, kann man diese einfach mit einer sauberen Ecke des Fensterleders verschwinden lassen.

Nase und Mund

Falls du genau wissen möchtest, wie man eine Nase oder den menschlichen Mund anatomisch korrekt zeichnet, solltest du auf meine Anfänger-Tutorials zu dem Thema ausweichen. Hier soll es nur noch um Schattierungen gehen.

Nachdem die Konturen mit dem härtesten Bleistift leicht markiert wurden, kann man sich überlegen, wo mit der Zeichenkohle dunkle Akzente gesetzt werden könnten. Mögliche Stellen dafür sind die Nasenlöcher oder die Mundspalte. Übertreiben sollte man es dennoch nicht. Oft erscheinen einem diese Stellen dunkler und signifikanter, als sie tatsächlich sind.

Generell sind harte Konturen oft hinderlich, weil sie sich nur noch schwer radieren oder schattieren lassen. Es ist daher immer besser von hell nach dunkel zu schattieren als anders herum.

Verwende dafür ganz einfach immer zuerst deine helleren Bleistifte und nähere dich so dem dunklen Farbwert an. Am Ende arbeitest du dann mit einem 8B Bleistift an den dunkelsten Stellen des Gesichtes und bist nicht einmal Gefahr gelaufen, unschöne dunkle Zeichenstriche zu machen.

Besonders bei der Nase ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Schattiere hier nicht voreilig und lass das Bild lieber ein paar Stunden liegen, wenn du dir nicht sicher bist, ob du die Schattierung richtig getroffen hast.

Wenn doch mal etwas schief geht und die Schattierung zu dunkel wird, kannst du es erst einmal versuchen, ganz vorsichtig mit dem Fensterleder die störenden Pigmente abzuheben und danach zum Knetradiergummi greifen. Wenn Hopen und Malz verloren sind, muss halt der “richtige” Radierer ran. Achte dann aber darauf, dass er nicht unfreiwillig schmiert. Das passiert leider sehr schnell und hinterlässt richtig fiese Flecken.

Achte bei der Zeichnung der Lippen auf die Darstellung der Lippenfältchen. Die müssen nicht alle einzeln gezeichnet werden, aber als Gesamtheit erkennbar sein. Sie dürfen auch nicht so stark sein, dass die Plastizität der Lippen unsichtbar wird. Achte darauf, dass man erkennt, wie rund sie sind.

Haare

Auch zum Thema “Haare” habe ich ein eigenes Tutorial gemacht, das die Grundlagen erklärt. Du findest es hier: Haare zeichnen (Anfänger).

Für die Haare habe ich Kohle genommen. Natürlich glänzt Haar, weshalb sich auch Graphit empfehlen würde. Aber der organische Fluss der der Haarsträhnen legt die modellierbare Kohle näher.

So erhalten sie auch noch mehr Weichheit und Tiefe und heben sich zudem wunderbar von der Haut des Dargestellten ab.

Es ist wichtig, sich immer an die Flussrichtung der Strähnen zu halten und zu versuchen, die Haare so “einfach” wie möglich zu zeichnen. Also lieber etwas zu verallgemeinern als jedes Härchen einzeln zu zeichnen. Das gilt vor allem bei abstehenden Haaren. Oft ist es so, dass bei langen Haare einzelne Haare von der eigentlichen Frisur abstehen (vor allem bei Locken). Das sieht gezeichnet aber oft chaotisch und unschön aus. Wenn es sich also nicht gerade um Albert Einstein als Zeichenmodell handelt, sollte man die Frisur eher ein wenig glätten. ;-)

Metall

In dem dargestellten Bild finden sich verschiedene Metallelemente. Beispielsweise die Kette und die Ohrringe. Metall ist natürlich immer eine ganz besondere Herausforderung. Keine andere Textur bietet so einen hohen Kontrast. Das legt nahe, mit Kohle zu arbeiten.

Um allerdings den typisch metallischen Glanz zu erhalten, überarbeitet man die Schattierung später mit Graphit.

Stoff

Stoff auf der anderen Seite ist stumpf bzw. matt. Kohle ist das Material der Wahl (wenn man von den zarten Schattierungen auf dem weißen Kleid der Braut absieht). Besonders der Anzug des Mannes kommt so gut zur Geltung.

Natürlich können dabei noch einige Details mit Graphit eingearbeitet oder Konturen definiert werden, aber der Haupteindruck sollte matt bleiben, um so auch den Gesichtern vornehm den Vortritt zu lassen. ;-)

Schlusswort

Es soll noch gesagt sein, dass diese Technik nicht von schlechten Eltern ist und man sicherlich einiges an Zeit investieren muss, um sie zu beherrschen. Ich würde mich nun auch nicht als Meister der Technik bezeichnen. Ich muss selbst noch einiges lernen. Aber das Ergebnis ist meiner Meinung nach mehr als lohnend und rechtfertigt den hohen Zeitaufwand alle mal. :-)